Nachts navigieren: eine besondere Herausforderung
Die Nachtnavigation ist eine grundlegende Fähigkeit, die jeder Skipper beherrschen muss. Ob bei einem geplanten Törn, einer verspäteten Hafenankunft oder einem Notfall -- früher oder später wirst du in der Dunkelheit steuern müssen.
Nachts verlierst du die visuelle Orientierung am Horizont, die Wahrnehmung von Entfernungen verändert sich radikal und Gefahren sind schwieriger zu erkennen. Mit der richtigen Vorbereitung kann Nachtnavigation jedoch eine ruhige und sogar magische Erfahrung sein.
Navigationslichter: die Sprache der Nacht
Navigationslichter sind das einzige visuelle Mittel, um andere Boote und ihren Kurs zu identifizieren. Sie zu kennen ist Pflicht und kann Kollisionen verhindern.
Grundlichter eines Motorbootes
- Rot an Backbord: sichtbar in einem Bogen von 112,5 Grad vom Bug nach Backbord
- Grün an Steuerbord: sichtbar in einem Bogen von 112,5 Grad vom Bug nach Steuerbord
- Weißes Hecklicht: sichtbar in einem Bogen von 135 Grad vom Heck
- Weißes Topplicht (Mast): sichtbar in einem Bogen von 225 Grad nach vorne, höher als die Seitenlichter
Lichter eines Segelbootes unter Segeln
- Rot und grün: wie bei Motorbooten
- Weißes Hecklicht: wie bei Motorbooten
- Kein Topplicht: Segelboote unter Segeln führen KEIN Topplicht (das ist der Schlüssel, um sie von Motorbooten zu unterscheiden)
- Optional: rotes über grünem Licht am Masttop (nur Segelboote)
Lichter eines ankernden Bootes
- Ein weißes Rundumlicht (360 Grad) sichtbar auf 2 Seemeilen
- Boote über 50 Meter: zwei weiße Lichter (Bug höher als Heck)
Wie man die Lichter anderer Boote interpretiert
Dies ist der kritischste Teil. Wenn du Lichter auf See siehst:
- Nur rot: Das andere Boot zeigt dir seine Backbordseite, es fährt von rechts nach links vor dir
- Nur grün: Es zeigt dir seine Steuerbordseite, es fährt von links nach rechts
- Rot und grün zusammen: Es kommt direkt auf dich zu. Entgegenkommende Situation
- Nur weiß: Du siehst sein Heck, es entfernt sich, oder es liegt vor Anker
- Topplicht + rot + grün: Motorboot, das auf dich zukommt
- Rot + grün ohne Topplicht: Segelboot, das auf dich zukommt (unter Segeln)
COLREG-Regeln für die Nachtnavigation
Die COLREG-Regeln (Internationale Regeln zur Verhütung von Zusammenstößen auf See) gelten immer, sind aber nachts besonders kritisch:
Regel 5: Ausguck
Ständigen visuellen und akustischen Ausguck halten. Nachts bedeutet das:
- Mindestens eine Person an Deck, die jederzeit den Horizont beobachtet
- Den Horizont alle paar Minuten in 360 Grad absuchen
- Innenbeleuchtung ausschalten oder dimmen, um den Ausguck nicht zu blenden
- Auf Nebelsignale anderer Boote achten
Regel 7: Kollisionsgefahr
Wenn die Peilung eines anderen Bootes (der Winkel zu deinem Bug) sich nicht ändert, besteht Kollisionsgefahr. Nachts beobachte die relative Position der Lichter:
- Wenn die Lichter des anderen Bootes im gleichen relativen Winkel bleiben, werdet ihr euch treffen
- Wenn sie sich nach rechts verschieben, wird es hinter dir passieren
- Wenn sie sich nach links verschieben, wird es vor dir passieren
Regel 18: Vorrangregeln
Nachts ändern sich die Vorrangregeln nicht: 1. Manövrierunfähiges Fahrzeug 2. Fahrzeug mit eingeschränkter Manövrierfähigkeit 3. Fischereifahrzeug beim Fischen 4. Segelboot (unter Segeln, ohne Motor) 5. Motorboot
Das Boot für die Nacht vorbereiten
Vor dem Ablegen
- Prüfe alle Navigationslichter: Schalte sie ein und stelle sicher, dass sie einwandfrei funktionieren. Führe Ersatzbirnen mit
- Lade die Batterien: Die Navigationslichter müssen die ganze Nacht problemlos funktionieren
- Plane die Route: Markiere Wegpunkte im Plotter, identifiziere Gefahren und berechne die geschätzte Ankunftszeit
- Bereite das Deck vor: Räume lose Leinen auf, schließe Luken, sichere alles, was sich bewegen könnte
- Bereite Essen und warme Getränke vor: Um Energie und Moral der Crew aufrechtzuerhalten
- Teile Wachen ein: Schichten von 2-3 Stunden, damit alle Ruhe bekommen
Beleuchtung an Bord
- Navigationslichter: Prüfe Sichtbarkeit und Winkel
- Instrumente: Reduziere die Helligkeit von Plottern und Bildschirmen auf ein Minimum, um die Nachtsicht nicht zu verlieren
- Rotes Innenlicht: Verwende rote Beleuchtung in der Kabine, um die Dunkelanpassung der Augen zu erhalten
- Rote Stirnlampe: Unverzichtbar, um sich an Deck zu bewegen, ohne andere zu blenden
Nachtsicht: wie man sie bewahrt
Die Augen brauchen 15 bis 30 Minuten, um sich vollständig an die Dunkelheit anzupassen. Eine einzige Einwirkung von hellem weißem Licht kann diese Anpassung zerstören, und du brauchst weitere 15-30 Minuten zur Erholung.
Tipps zur Erhaltung der Nachtsicht
- Verwende nur rotes Licht, wenn du Beleuchtung brauchst (rotes Licht beeinträchtigt die Dunkelanpassung der Augen nicht)
- Reduziere die Instrumentenhelligkeit auf ein Minimum
- Wenn du Karten oder Dokumente lesen musst, verwende eine rote Taschenlampe
- Schaue nicht direkt in die Lichter anderer Boote oder der Küste (nutze das periphere Sehen)
- Benutze das Handy nicht mit normaler Bildschirmhelligkeit (aktiviere den Nachtmodus oder schalte es aus)
- Wenn jemand in der Kabine weißes Licht einschalten muss, warne vorher den Ausguck, damit er ein Auge schließt und die Sicht in diesem Auge bewahrt
Elektronische Navigation bei Nacht
Plotter und GPS
Der Plotter ist dein bester Verbündeter bei Nacht. Konfiguriere: - Nachtmodus: schwarzer Hintergrund mit dunklen Farben - Helligkeit auf Minimum: lesbar, aber nicht blendend - Alarme: Stelle Landnäherungsalarm, Tiefenalarm und Kursabweichungsalarm ein - AIS aktiv: Sieh die nahegelegenen Boote mit ihren Daten auf dem Bildschirm
Radar
Wenn du Radar hast, wirst du es nachts am meisten schätzen: - Erkennt Boote ohne Lichter, schwimmende Objekte und die Küste - Nutze die Wachzone-Funktion (Guard Zone), damit es dich warnt, wenn etwas in deinen Sicherheitsbereich eindringt - Ergänzt die visuelle Überwachung, ersetzt sie aber nie
Spezifische Gefahren der Nachtnavigation
Treibende Objekte
Baumstämme, Container, treibende Fischernetze und andere Objekte sind nachts praktisch unsichtbar. Fahre mit mäßiger Geschwindigkeit, um manövrieren zu können, wenn du etwas entdeckst.
Boote ohne Lichter
Leider fahren manche kleinen Boote ohne Beleuchtung. Handwerks-Fischer, Kajaks und kleine Motorboote können unsichtbar sein. Das Radar ist die einzige Möglichkeit, sie zu erkennen.
Blendung durch Küstenbeleuchtung
In Küstennähe können Lichter von Städten, Häfen und Gebäuden die Identifizierung von Tonnen und Navigationslichtern erschweren. Achte besonders auf die Blinklichter der Tonnen und Leuchtfeuer.
Ermüdung
Ermüdung ist die größte reale Gefahr der Nachtnavigation. Ein müder Skipper trifft schlechte Entscheidungen und kann am Ruder einschlafen. Halte die Wachzeiten ein und schlafe, wenn du nicht Dienst hast.
Hafen bei Nacht anlaufen
Einen unbekannten Hafen bei Nacht anzulaufen ist ein anspruchsvolles Manöver. Befolge diese Schritte:
- Studiere die Karte: Identifiziere die Einfahrts-Deckpeilung, die Tonnen, die Untiefen und Hindernisse
- Identifiziere die Hafenlichter: Suche die Sektorenfeuer und beleuchteten Tonnen
- Reduziere die Geschwindigkeit: Fahre mit minimaler Steuerfähigkeit ein
- Schalte einen Deckscheinwerfer ein: Um das Anlegen zu beleuchten und im Hafen sichtbar zu sein
- Halte Fender und Leinen bereit, bevor du einfährst
- Kontaktiere per UKW, wenn der Hafen eine Hafenmeisterei oder Nacht-Marineros hat
Sektorenfeuer der Häfen
Die Leuchtfeuer und Deckpeilungen der Häfen verwenden Farbsektoren: - Grün: sichere Zone, Einfahrtskanal - Rot: Gefahrenzone, Untiefen oder Felsen - Weiß: allgemeiner Sektor
Die Seekarte zeigt die genauen Winkel jedes Sektors.
Checkliste für die Nachtnavigation
Vor der Nachtfahrt überprüfen:
- Navigationslichter funktionieren einwandfrei
- Batterien geladen
- Radar betriebsbereit (falls vorhanden)
- Plotter im Nachtmodus mit konfigurierten Alarmen
- UKW auf Kanal 16
- Rote Stirnlampen für die gesamte Crew
- Rettungswesten griffbereit (besser angezogen)
- Route geplant und Wegpunkte eingegeben
- Wachschichten eingeteilt
- Essen und Getränke vorbereitet
- Deck aufgeräumt und sicher
Die Nachtnavigation erfordert mehr Aufmerksamkeit, mehr Vorbereitung und mehr Erfahrung als Tagesfahrten. Wenn du ein Anfänger-Skipper bist, übe zuerst in bekannten Gewässern und bei gutem Wetter, bevor du dich auf lange Nachttörns wagst.
