Warum die Bordapotheke lebensnotwendig ist
Auf See gibt es keine Apotheken oder Krankenhäuser, die in wenigen Minuten erreichbar sind. Eine Wunde, eine Verbrennung, schwere Seekrankheit oder eine allergische Reaktion können zu einem Notfall werden, wenn du nicht das passende Material für eine Erstversorgung dabei hast.
Die Vorschriften in den meisten europäischen Ländern schreiben eine Bordapotheke vor, deren Inhalt je nach Fahrtgebiet variiert. Doch unabhängig von der gesetzlichen Pflicht ist eine vollständige und gut gepflegte Bordapotheke eine Frage des gesunden Menschenverstands und der Verantwortung gegenüber deiner Crew.
Hinweis: Die konkreten Vorschriften variieren von Land zu Land. Informiere dich immer über die geltenden Bestimmungen deines Flaggenstaats und deines Fahrtgebiets.
Bordapotheken je nach Fahrtgebiet
In vielen europäischen Ländern wird der Umfang der vorgeschriebenen Bordapotheke nach Fahrtgebiet gestaffelt. Als allgemeine Orientierung:
Hochseenavigation (unbegrenzt)
Umfangreichste Ausstattung: - Alles aus der Küstenausstattung - Zusätzliche verschreibungspflichtige Medikamente (Antibiotika, starke Schmerzmittel) - Nahtmaterial - Medizinisches Handbuch für Seefahrt - Zugang zu funkärztlicher Beratung
Küstennahe Fahrt (bis ca. 60 Seemeilen)
Mittlere Ausstattung: - Vollständiges Verbandmaterial - Basis-Medikamente rezeptfrei und rezeptpflichtig - Antihistaminika, Antiemetika, Schmerzmittel, Entzündungshemmer - Augentropfen, Brandsalbe - Schere, Pinzette, Thermometer
Küstenfahrt (bis ca. 12 Seemeilen)
Basisausstattung: - Sterile Kompressen, Binden, Pflaster - Desinfektionsmittel (Povidon-Jod oder Chlorhexidin) - Schmerzmittel (Paracetamol, Ibuprofen) - Mittel gegen Seekrankheit (Dimenhydrinat oder vergleichbar) - Schere, Pinzette, Einmalhandschuhe
Geschützte Gewässer (Häfen, Buchten)
Vereinfachte Ausstattung mit Basis-Verbandmaterial und Schmerzmitteln.
Empfohlener Inhalt einer vollständigen Bordapotheke
Über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus sollte eine gut ausgestattete Bordapotheke enthalten:
Verbandmaterial
- Sterile Kompressen in verschiedenen Größen (5x5, 10x10 cm)
- Elastische Binden (5 und 10 cm breit)
- Kohäsive Binden (selbsthaftend, ideal für Finger)
- Hypoallergenes Klebeband
- Sortierte Pflaster, einschließlich Wundnahtstreifen für Schnittwunden
- Große Wundauflagen für größere Verletzungen
- Sterile Kochsalzlösung in Einzeldosen (Wund- und Augenspülung)
- Hämostatische Kompressen (Celox oder QuikClot) für stark blutende Wunden
Desinfektionsmittel und Antiseptika
- Povidon-Jod (Betaisodona) oder Chlorhexidin in kleiner Verpackung
- Wasserstoffperoxid (zur Reinigung, nicht zur tiefen Desinfektion)
- Einzeln verpackte Alkoholtücher
Basis-Medikamente (rezeptfrei)
- Schmerzmittel: Paracetamol 500-1.000 mg und Ibuprofen 400-600 mg
- Antihistaminika: Cetirizin oder Loratadin für allergische Reaktionen und Insektenstiche
- Gegen Seekrankheit: Dimenhydrinat oder Meclizin
- Entzündungshemmende Salbe: Diclofenac- oder Ibuprofen-Gel
- Brandsalbe: Silbersulfadiazin oder vergleichbar
- Augentropfen: Künstliche Träne für Reizung durch Salz oder Sonne
- Sonnenschutz: SPF50+ wasserfest
- Insektenschutzmittel: Für Ankerplätze mit Mücken
Verschreibungspflichtige Medikamente (Hochseefahrt)
Für Fahrten in entfernte Gebiete besprich mit deinem Arzt die Mitnahme von: - Breitbandantibiotika (Amoxicillin-Clavulansäure) - Starke Schmerzmittel (Tramadol) - Injizierbare Kortikosteroide (für schwere allergische Reaktionen) - Adrenalin-Autoinjektor (EpiPen) falls ein Crewmitglied schwere Allergien hat
Instrumente
- Abgerundete Schere (sticht nicht versehentlich bei Seegang)
- Feine Pinzette (für Splitter, Angelhaken, Seeigel-Stacheln)
- Digitales Thermometer
- Nitril-Einmalhandschuhe (mindestens 4 Paar)
- Rettungsdecke
- Dreiecktuch (improvisierte Armschlinge)
- Formbare Fingerschiene zur Ruhigstellung von Gliedmaßen
- Stirnlampe (für Wunduntersuchung im Dunkeln)
Dokumentation
- Leitfaden für maritime Erste Hilfe (laminiert oder in wasserdichter Hülle)
- Liste der Medikamente mit Dosierung und Kontraindikationen
- Notrufnummern: 112, Funkärztliche Beratung (UKW Kanal 16), MRCC
So organisierst du die Bordapotheke
Geeigneter Behälter
Verwende einen festen, wasserdichten Koffer oder zumindest eine Tasche mit hermetischem Verschluss. Feuchtigkeit und Salz sind der Feind des Sanitätsmaterials. Spezielle nautische Bordapotheken haben in der Regel geordnete Fächer und IP67-Verschluss.
Klare Beschriftung
Beschrifte jedes Fach mit der Art des Materials. Im Notfall muss jedes Crewmitglied das Benötigte finden können, ohne suchen zu müssen.
Zugänglicher Standort
Platziere die Bordapotheke an einem Ort, der der gesamten Crew bekannt, leicht erreichbar und vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt ist. Die Hauptkabine oder der Salon, nahe dem Kartentisch, ist ein guter Platz. Lagere sie niemals in einem schwer zugänglichen Staufach unter Deck.
Kontrolle der Verfallsdaten
Medikamente laufen ab und verlieren ihre Wirksamkeit. Lege dir eine Routine fest:
- Vor jeder Saison (März-April): Prüfe alle Verfallsdaten und ersetze abgelaufene Produkte
- Nach jeder Verwendung: Ersetze sofort, was verbraucht wurde
- Jährlich: Prüfe den Zustand des Behälters, der Dichtungen und der Verpackungen
Tipp: Notiere das nächste Verfallsdatum mit einem Marker auf dem Deckel der Bordapotheke, damit du weißt, wann die nächste Kontrolle fällig ist.
Erste-Hilfe-Ausbildung
Eine vollständige Bordapotheke ist nutzlos, wenn du nicht weißt, wie man sie benutzt. Empfehlungen:
- Erste-Hilfe-Grundkurs: Das Rote Kreuz und andere Organisationen bieten 8-16-Stunden-Kurse an, die die häufigsten Notfälle abdecken
- Maritime Erste Hilfe: Speziell für Seefahrer, umfasst Szenarien wie Hypothermie, Ertrinken, Dekompression und Verletztentransport auf dem Boot
- HLW-Training: Herz-Lungen-Wiederbelebung zu beherrschen kann Leben retten. Übe mindestens einmal jährlich
- Funkärztliche Beratung: Mache dich mit dem Verfahren der ärztlichen Beratung über UKW Kanal 16 und die zuständige MRCC-Stelle vertraut
Häufige Notfälle an Bord und wie du handelst
Schnittwunden und Verletzungen
Schnittwunden sind die häufigste Verletzung an Bord (Leinen, Messer, Metallteile). Bei einer blutenden Wunde:
- Handschuhe anziehen
- Mit Kochsalzlösung reinigen
- Mit sterilen Kompressen Druck ausüben
- Wenn die Blutung nach 10 Minuten nicht stoppt, hämostatische Wundauflage erwägen
- Oberflächliche Wunden mit Wundnahtstreifen verschließen, bei tiefen Wunden eine Naht in Betracht ziehen
Verbrennungen
Häufig durch Kontakt mit dem Motor, der Kombüse oder schwere Sonnenbrände:
- 10-20 Minuten unter fließendem Süßwasser kühlen
- Blasen nicht öffnen
- Brandsalbe auftragen und mit Kompresse abdecken
- Ist die Verbrennung größer als die eigene Handinnenfläche, ärztliche Hilfe suchen
Seekrankheit
Schwere Seekrankheit kann zu Dehydration und Erschöpfung führen:
- Antiemetikum (Dimenhydrinat) so früh wie möglich verabreichen
- Die Person an Deck halten, mit Blick auf den Horizont
- Mit kleinen, häufigen Schlucken hydrieren
- Starke Gerüche vermeiden (Diesel, Kochen)
Hitzschlag
Gefährlich im Sommer bei längerer Sonnenexposition:
- Die Person in den Schatten bringen
- Feuchte, kühle Tücher auf Hals, Achseln und Leisten legen
- Mit frischem (nicht eiskaltem) Wasser hydrieren
- Wenn die Person das Bewusstsein verliert oder über 40 Grad C hat: Notruf absetzen
Kosten der Bordapotheke
| Typ | Inhalt | Ungefährer Preis | |---|---|---| | Nahbereich | Basis-Verbandmaterial | 30-50 EUR | | Küstenfahrt | Verbandmaterial + Basismedikamente | 60-100 EUR | | Erweiterte Küstenfahrt | Komplett mit Medikamenten | 120-200 EUR | | Hochsee | Professionell mit Nahtmaterial | 200-350 EUR |
Eine vollständige Bordapotheke kostet weniger als ein Abendessen im Hafen. Spare nicht an der Sicherheit.
